Prokrastination: Warum wir aufschieben, was uns wichtig ist.
„Ich mache es später.“ Die E-Mail kann warten, der Anruf auch. Die Steuererklärung erledigen wir am Wochenende, den längst überfälligen Termin vereinbaren wir morgen. Doch aus „später“ wird schnell „Jetzt wird es wirklich Zeit“. Dabei wissen wir genau, dass die Aufgaben nicht von selbst verschwinden. Und trotzdem schieben wir sie auf.
Statt uns dem zu widmen, was eigentlich ansteht, räumen wir die Küche auf, beantworten Nachrichten oder schauen noch schnell ein Video. Alles scheint plötzlich interessanter als die Aufgabe, die wir erledigen wollten. Irgendwann meldet sich das schlechte Gewissen und mit ihm die Frage: „Warum mache ich das eigentlich immer?“
Faulheit oder steckt etwas anderes dahinter?
Der Begriff Prokrastination klingt wissenschaftlich, beschreibt aber etwas, das viele Menschen aus ihrem Alltag kennen: das wiederholte Aufschieben wichtiger oder notwendiger Aufgaben. Schnell entsteht dabei der Eindruck, undiszipliniert oder faul zu sein. Doch so einfach ist es meist nicht.
Menschen, die prokrastinieren, wollen ihre Aufgaben häufig durchaus erledigen. Sie wissen, was zu tun wäre, und kennen oft auch die Konsequenzen des Aufschiebens. Trotzdem fällt ihnen der erste Schritt schwer. Dahinter stecken häufig unangenehme Gefühle: Langeweile, Überforderung, Unsicherheit oder die Angst, etwas nicht gut genug zu machen. Manchmal erscheint eine Aufgabe so groß, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Vielleicht steht auch die Sorge dahinter: „Was, wenn ich es nicht schaffe?“
Aufschieben kann dann kurzfristig Erleichterung verschaffen. Wir müssen uns im Moment weder mit der unangenehmen Aufgabe noch mit den damit verbundenen Ängsten auseinandersetzen. Der Druck lässt nach – zumindest vorübergehend. Denn die Aufgabe bleibt bestehen und wird oft von einem weiteren Begleiter ergänzt: dem schlechten Gewissen.
Der Kreislauf des Aufschiebens
Prokrastination kostet nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Selbst wenn wir eine Aufgabe vermeiden, bleibt sie gedanklich präsent. Wir erinnern uns immer wieder daran, was wir eigentlich erledigen sollten, und setzen uns dadurch zusätzlich unter Druck.
So entsteht ein Kreislauf: Wir schieben etwas auf, fühlen uns schuldig, geraten unter Druck und vermeiden die Aufgabe erneut. Mit der Zeit kann aus einer überschaubaren Angelegenheit ein scheinbar unüberwindbarer Berg werden. Dabei war die Aufgabe vielleicht von Anfang an gar nicht so groß – sondern einfach unangenehm.
Warum wir gerade wichtige Dinge aufschieben
Es klingt widersprüchlich: Je wichtiger uns eine Aufgabe ist, desto eher sollten wir sie doch erledigen. Tatsächlich können gerade bedeutende Vorhaben besonders schwerfallen. Eine Bewerbung, ein schwieriges Gespräch, ein wichtiges Projekt oder eine weitreichende Entscheidung – all das kann Ängste und Zweifel auslösen.
Manchmal dient das Aufschieben unbewusst als Schutz. Solange wir nicht anfangen, können wir nicht scheitern. Solange wir uns nicht entscheiden, müssen wir keine falsche Entscheidung riskieren. Und solange wir eine Aufgabe nicht abschließen, müssen wir uns nicht mit möglicher Kritik auseinandersetzen.
Was uns kurzfristig vor unangenehmen Gefühlen schützt, kann uns langfristig jedoch viel Kraft kosten. Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf das Aufschieben selbst zu schauen, sondern auch auf das, was dahinterliegt.
Auf den perfekten Moment warten?
„Ich fange an, wenn ich mehr Zeit habe, ausgeschlafen bin oder mich besser konzentrieren kann.“ Solche Gedanken kennen viele Menschen. Wir warten auf Motivation, einen freien Kopf oder die passenden Bedingungen. Doch der perfekte Moment kommt oft nicht.
Dabei müssen wir nicht unbedingt motiviert sein, um anzufangen. Manchmal entsteht die Motivation erst, wenn wir bereits die ersten Schritte gemacht haben. Aus „Ich müsste eigentlich …“ wird dann langsam „Ich bin schon dabei“.
Statt uns mangelnde Disziplin vorzuwerfen, können wir uns deshalb eine andere Frage stellen: Was macht diese Aufgabe gerade so schwierig? Ist sie zu groß, zu unklar oder langweilig? Macht sie uns Angst? Oder hängt unser Selbstwert davon ab, wie gut wir sie erledigen?
Oft hilft es, nicht noch mehr Druck aufzubauen, sondern die Hürde für den Anfang zu senken. Wir müssen nicht sofort die gesamte Steuererklärung erledigen – vielleicht reicht es, zunächst die Unterlagen zusammenzusuchen. Ein schwieriges Gespräch muss nicht sofort stattfinden; wir können erst einmal notieren, was wir sagen möchten.
Solche Schritte mögen klein erscheinen. Doch sie machen eine überwältigende Aufgabe überschaubarer und erleichtern den Einstieg. Es geht nicht darum, sich mit aller Kraft zusammenzureißen, sondern darum, sich das Anfangen leichter zu machen.
Wenn Prokrastination zum Problem wird
Nicht jedes Aufschieben ist problematisch. Manchmal brauchen wir tatsächlich eine Pause oder etwas mehr Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Belastend wird es vor allem dann, wenn wir regelmäßig Aufgaben vermeiden, obwohl wir darunter leiden, Fristen verpassen oder berufliche und private Beziehungen beeinträchtigt werden. Auch das Gefühl, ständig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben, kann sehr belastend sein.
Hinter anhaltender Prokrastination können unterschiedliche Faktoren stehen, etwa Überforderung, Ängste, Perfektionismus, Schwierigkeiten im Umgang mit unangenehmen Gefühlen oder Erschöpfung. Deshalb gibt es auch nicht die eine Lösung, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert.
Hilfreich kann es sein, genauer hinzuschauen: Was passiert in mir, kurz bevor ich eine Aufgabe wieder auf später verschiebe? Welches Gefühl möchte ich vermeiden? Wovor versuche ich mich zu schützen? Und was würde sich verändern, wenn ich mir erlaubte, eine Aufgabe nicht perfekt, sondern einfach erst einmal zu beginnen?
Der erste Schritt darf klein sein
Vielleicht gibt es gerade etwas, das Sie schon seit Tagen oder Wochen vor sich herschieben. Sie müssen deshalb nicht gleich Ihr ganzes Leben verändern. Versuchen Sie zunächst, nur den nächsten kleinen Schritt zu machen: eine E-Mail zu öffnen, eine Telefonnummer herauszusuchen, eine Datei anzulegen oder zehn Minuten an einer Aufgabe zu arbeiten.
Es muss nicht perfekt sein, und Sie müssen sich dabei auch nicht besonders motiviert fühlen. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen. Veränderung beginnt selten mit einem einzigen großen Entschluss. Manchmal entsteht sie in einem unscheinbaren Moment, in dem wir innehalten, durchatmen und einen kleinen Schritt wagen.
So kann aus „Irgendwann“ langsam wieder „Jetzt“ werden.
Wenn Aufschieben zur Belastung wird
Wenn Prokrastination Ihren Alltag zunehmend bestimmt, Sie sich ständig unter Druck fühlen oder immer wieder an denselben Punkt gelangen, kann es hilfreich sein, die Ursachen gemeinsam genauer zu betrachten. Nicht, um noch mehr Druck aufzubauen, sondern um besser zu verstehen, was das Anfangen so schwer macht und welche Veränderungen langfristig helfen können.
Im Gesundheitszentrum Carpe Diem Linz & Schwechat begleiten wir Menschen bei unterschiedlichen psychischen Belastungen und persönlichen Veränderungsprozessen – mit Psychotherapie, psychologischer Beratung und Coaching. Manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass wir endlich mehr schaffen, sondern damit, dass wir verstehen, warum es bisher so schwer war.
