Ein persönlicher Weg aus der Depression: Zwischen Erstarrung und einem leisen Aufbruch
Dieser Text erzählt die anonymisierte Geschichte eines jungen Mannes, der im Rahmen einer Psychotherapie im Gesundheitszentrum Carpe Diem begonnen hat, alte Muster zu verstehen und neue innere Wege zu gehen. Er beschreibt keinen schnellen Wandel, sondern einen leisen, persönlichen Prozess.
Mein Weg aus der Dunkelheit der Depression
Ich bin David M., 29 Jahre alt, verheiratet mit Lisa und Vater eines einjährigen Sohnes, Jonas. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich einen langen Weg, gepflastert mit Unsicherheiten, dunklen Momenten und einem verzweifelten Kampf um Selbstbestimmung. Ich möchte meine Geschichte teilen, weil ich glaube, dass es vielen Menschen ähnlich geht, die in rigiden Familienstrukturen aufgewachsen sind. Menschen, die gelernt haben, sich selbst nicht zu spüren, weil ihre eigenen Bedürfnisse nie Platz hatten.
(Der Name wurde aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert. Die Veröffentlichung erfolgt anonymisiert mit meiner Einwilligung.)
Meine Kindheit war von Angst geprägt. Nicht von direkter Gewalt oder Vernachlässigung, sondern von einer überbehütenden Mutter, einem stillen, konfliktvermeidenden Vater und einer depressiven Großmutter. In meiner Familie hatte jeder eine festgelegte Rolle: Mein Vater war der schweigende Versorger, meine Mutter die überbesorgte Kontrolle, meine Großmutter die klagende Leidtragende.
Und meine Rolle?
Ich war derjenige, der sich anpassen musste, der keine Probleme machen durfte. Der, der lernte, dass es sicherer ist, sich nicht bemerkbar zu machen, keine Erwartungen zu haben, keine eigenen Bedürfnisse zu formulieren. Ich wurde der Unsichtbare, der Funktionierende.
In der Schule wurde ich gemobbt, in der Tischlerlehre schließlich systematisch ausgeschlossen. Etwas daran war seltsam vertraut, als würde sich ein altes Muster leise fortschreiben. Wieder wurde mir gezeigt: Du bist nicht genug. Die Kommentare, die ich zu hören bekam, waren oft gut gemeint und doch verletzend:
Reiß dich zusammen, denk doch mal positiv, du hast ja gar keinen Grund, traurig zu sein – wenn du wirklich wolltest, würdest du da schon rauskommen.
Diese Sätze trafen mich. Sie gaben mir das Gefühl, dass meine Verzweiflung keinen Platz hatte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Statt Trost empfand ich Scham – und die wachsende Überzeugung, selbst schuld zu sein. Ich zog mich noch weiter zurück
Als mein Vater starb und kurz darauf mein Sohn geboren wurde, stand ich innerlich am Rand. Zwei der größten Lebensereignisse – Tod und neues Leben – prallten aufeinander. Ich war überfordert. Ich konnte weder richtig trauern noch mich auf Jonas einlassen. Unbewusst wiederholte ich das Verhalten meines Vaters: Ich wurde still und versuchte, meine Angst mit Arbeit und Kontrolle zu überdecken. Ich spürte, dass ich dieselben Muster lebte, gegen die ich mich immer gewehrt hatte.
Ich zog mich weiter zurück. Es war, als würde ich innerlich einen Schritt hinter alles machen, was mir nah kam. Wenn Lisa mir nahe sein wollte, wich ich ihr aus – nicht, weil ich sie nicht liebte, sondern weil mir der Umgang mit Nähe fremd geworden war. Gleichzeitig war da diese leise, beharrliche Stimme in mir: Du bist nicht genug, du wirst es nie richtig machen.
Diese Muster setzten sich in meiner Arbeit fort. Ich hatte Angst, mich zu zeigen, meine Ideen einzubringen, weil ich tief in mir glaubte, dass meine Beiträge nicht wertvoll genug wären. Ich vermied Konflikte mit Kollegen und suchte Sicherheit im Perfektionismus. Immer wieder fand ich mich in Situationen wieder, die sich seltsam vertraut anfühlten – als würde mein Leben alte Szenen neu inszenieren.
Mit der Zeit meldete sich der Körper deutlicher zu Wort. Er wusste längst, was mein Kopf noch zu ordnen versuchte.
Die Belastung zeigte sich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Ich litt unter Rückenschmerzen, Panikattacken und einer tiefen Antriebslosigkeit. Nachts tauchte eine dunkle Gestalt auf – mein eigenes Spiegelbild wurde zum Schatten, der mich verfolgte. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Ich wurde wütend, auf mich, auf meine Frau, manchmal sogar auf meinen Sohn – und diese Aggressionen machten mir Angst. Es gab Momente, in denen ich mir wünschte, einfach allem entkommen zu können. Gleichzeitig wusste ich: Meiner Familie wollte ich das nicht antun.
Am 25. April 2017 hatte ich meinen ersten Termin im Gesundheitszentrum Carpe Diem in Schwechat. Skepsis, alte Enttäuschungen und der Gedanke, alles alleine schaffen zu müssen, begleiteten mich. Anfangs fiel es mir schwer, über Gefühle zu sprechen. Rückzug war mir vertrauter als Offenheit. Doch langsam begann ich zu erkennen, wie sehr meine Angst, meine Wut und mein Schweigen aus meiner Geschichte heraus entstanden waren – nicht als persönliches Versagen, sondern als erlernte Schutzmuster.
Ich verstand, dass ich nicht wütend auf Jonas war, sondern auf meine eigene Kindheit. Dass ich nicht unfähig war, ein guter Vater zu sein, sondern dass mir innere Nähe fremd geworden war. Im Kern tauchte immer wieder derselbe Satz auf: Ich bin nicht genug.
Eines Tages sagte meine Therapeutin zu mir:
„Vielleicht ist es nicht deine Schuld, dass du dich so fühlst, sondern eine logische Folge deiner Geschichte?“
Dieser Satz war kein Befreiungsschlag. Aber er blieb in mir. Zum ersten Mal entstand ein kleiner Abstand zwischen mir und der alten Selbstanklage. Ein vorsichtiges Innehalten.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass sich vieles nicht nur in Gedanken zeigte, sondern im Körper. Die Rückenschmerzen, die ständige Anspannung, die Panikattacken – sie waren Ausdruck von etwas, das lange keinen Platz gehabt hatte. In der Therapie lernte ich, diese Signale nicht sofort zu bekämpfen, sondern wahrzunehmen. Durch Atemübungen und achtsame Körperarbeit begann langsam wieder Kontakt zu entstehen – nicht spektakulär, eher tastend.
Veränderung geschah nicht auf einmal. Es war ein stückweiser Prozess. Ich wagte, Bedürfnisse auszusprechen. Ich blieb in Konflikten etwas länger präsent. Ich begann, mich selbst ernster zu nehmen.
Heute sind die Panikattacken seltener geworden. Die innere Enge hat sich gelockert. Nicht alles ist leicht, manches bleibt eine Aufgabe. Ich begegne meinem Sohn mit mehr Ruhe – und mir selbst mit etwas mehr Geduld. Auch die Schatten sind kleiner geworden, nicht mehr bedrohlich, sondern etwas, das sich langsam zurückzieht.
Es zeigt sich selten in großen Veränderungen. In kleinen, unscheinbaren Momenten. Manchmal ganz beiläufig – oft erst im Tun.
Beim Arbeiten mit dem Holz entstand etwas Bleibendes – und zugleich etwas in mir, das langsam wieder Boden fand. Etwas wie Sinn. Leise. Nicht spektakulär, aber da.
Abschlusshinweis
Wenn Sie sich in Teilen dieses Textes wiedererkennen und Unterstützung suchen, finden Sie im Gesundheitszentrum Carpe Diem einen geschützten Rahmen für therapeutische Begleitung.
