ADHS, Autismus und Hochsensibilität – Modeerscheinung oder reale Entwicklung?
Nicht falsch, sondern anders: Was wirklich hinter ADHS, Autismus & Hochsensibilität steckt.
„Mein Kind hat ADHS“ oder „ich leide unter ADHS“ – diese Sätze hören wir, im Gesundheitszentrum Carpe Diem, in letzter Zeit sehr häufig.
In den letzten Jahren scheint es, als würden Diagnosen wie ADHS und Autismus „explodieren“. Auch Begriffe wie Hochsensibilität scheinen zunehmend populär zu werden.
Doch handelt es sich tatsächlich um eine Modeerscheinung – oder spiegeln diese Entwicklungen reale psychologische und gesellschaftliche Prozesse wider?
In diesem Artikel werden die Themen ADHS, Autismus und Hochsensibilität sachlich beleuchtet und auf Grundlage fundierter Erkenntnisse näher betrachtet.
ADHS und Autismus: Gut belegte neuroentwicklungsbedingte Störungen
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zählen zu den sogenannten neuroentwicklungsbedingten Störungen. Darunter versteht man Störungsbilder, die bereits in der frühen Entwicklung angelegt sind und die Informationsverarbeitung, das Verhalten sowie die soziale Interaktion nachhaltig beeinflussen. Ihre diagnostischen Kriterien sind in internationalen Klassifikationssystemen wie dem DSM-IV bzw. -V und der ICD-10 bzw. -11 klar definiert.
Die ADHS ist in den letzten zwei Jahrzehnten eine der am häufigsten diagnostizierten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Studien zeigen, dass sie bei einem erheblichen Teil der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter besteht (vgl. Faraone et al., 2015). Klinisch ist sie durch drei zentrale Kernsymptome gekennzeichnet:
- reduzierte bzw. schwer aufrechterhaltbare Aufmerksamkeit
- Hyperaktivität
- Impulsivität
Für eine Diagnosestellung ist entscheidend, dass diese Symptome nicht nur situativ auftreten, sondern überdauernd in mehreren Lebensbereichen bestehen – etwa in Schule, Beruf, sozialen Beziehungen oder im Alltag. Zudem muss eine zumindest moderate Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit und Teilhabe vorliegen.
Auch für Autismus-Spektrum-Störungen gilt, dass sie sich durch stabile, tiefgreifende Besonderheiten in der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung auszeichnen. Dazu zählen insbesondere Unterschiede in der sozialen Kommunikation sowie wiederkehrende Verhaltensmuster und Interessen.
Ein zentraler Befund der aktuellen Forschung betrifft die sensorische Verarbeitung (wie das Gehirn Sinnesreize aus der Umwelt (z. B. Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche) aufnimmt, filtert, einordnet und darauf reagiert):
- ADHS ist unter anderem mit veränderten sensorischen Verarbeitungsprozessen verbunden (vgl. Bijlenga et al., 2017)
- Autismus geht häufig mit systematischen Unterschieden in der Reizverarbeitung einher, die mehrere Sinnesmodalitäten betreffen (vgl. Scheerer et al., 2021)
- Sensorische Besonderheiten sind heute ein fester Bestandteil der Autismusdiagnostik im DSM-5
Wie es im DSM-5 zusammenfassend formuliert wird:
„Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize oder ungewöhnliches Interesse an sensorischen Aspekten der Umwelt“ (American PsychiatricAssociation, 2013).
Auch groß angelegte Übersichtsarbeiten unterstreichen die neurobiologische Grundlage beider Störungsbilder. So halten Stephen V. Faraone und KollegInnen fest, dass ADHS eine „hochgradig erblich beeinflusste, neurobiologische Entwicklungsstörung“ ist (Faraone et al., 2015).
Diese Befunde verdeutlichen, dass es sich bei ADHS und Autismus nicht um „Modediagnosen“ handelt, sondern um wissenschaftlich fundierte Störungsbilder mit neurobiologischer Grundlage.
Die zugrundeliegenden Phänomene sind empirisch gut belegt und gehen weit über subjektive Beschreibungen oder gesellschaftliche Trends hinaus.
Auf unserer Website finden Sie zudem weitere Blogbeiträge, die sich vertiefend mit dieser Thematik beschäftigen:
https://www.carpediem-linz.at/blog/62/adhs-psychotherapie-schwechat.html
https://www.carpediem-linz.at/blog/67/adhs-psychotherapie-linz.html
https://www.carpediem-linz.at/blog/61/adhs-kinder-schwechat.html
Warum nehmen Diagnosen scheinbar zu?
Die steigende Prävalenz lässt sich wissenschaftlich nicht durch „plötzliche Erkrankungswellen“ oder „Modeerscheinungen“ erklären, sondern durch mehrere gut dokumentierte Faktoren:
- Veränderung der Diagnosekriterien
Die Definition von Autismus wurde über die Jahre mehrfach erweitert und zusammengeführt (z. B. Einführung des Spektrums im DSM-5).
Dies führte zu einer breiteren diagnostischen Erfassung.
- Verbesserte Diagnostik
Studien zeigen, dass diagnostische Instrumente hinsichtlich Sensitivität und Spezifität optimiert wurden, aber weiterhin noch nicht perfekt sind.
- Diagnostische Verlagerung
Ein Teil des Anstiegs lässt sich dadurch erklären, dass früher andere Diagnosen vergeben wurden (z. B. „Lernstörung“ statt Autismus), da damals die diagnostischen Testverfahren noch nicht so gut erforscht bzw. weiterentwickelt worden sind.
- Mehr „Awareness“ im Sinne der Achtsamkeit und geringere Stigmatisierung
Menschen suchen heute eher Hilfe und erkennen sich in Beschreibungen wieder. Auch Schulen – insbesondere Lehrpersonen – sowie klinische PsychologInnen und PsychotherapeutInnen sind besser geschult und stärker für diese Themen sensibilisiert.
Hochsensibilität
Der Begriff Hochsensibilität beschreibt eine erhöhte Empfindsamkeit gegenüber inneren und äußeren Reizen. Gemeint ist damit vor allem, dass Betroffene Sinneseindrücke, Stimmungen oder Informationen intensiver wahrnehmen. In der Forschung wird häufig der Begriff Sensory Processing Sensitivity (SPS) verwendet.
Typische Merkmale, die im Zusammenhang mit Hochsensibilität beschrieben werden, sind:
- eine ausgeprägte Reizempfänglichkeit (z. B. gegenüber Lärm, Licht, Gerüchen)
- eine tiefgehende kognitive und emotionale Verarbeitung von Eindrücken
- hohe Empathiefähigkeit
- ein schnelleres Gefühl von Überstimulation oder Erschöpfung
Hochsensibilität wird nicht als Störung, sondern als Persönlichkeitsmerkmal verstanden.
Ist Hochsensibilität diagnostisch messbar?
Hochsensibiltät kann nicht im Sinne einer klinischen Diagnose gemessen werden, da es sich hierbei um keine klinische Störung handelt.
- Hochsensibilität ist nicht in den internationalen Klassifikationssystemen wie dem DSM-4/5 oder der ICD-10/11 enthalten.
- Es gibt keine standardisierten, klinisch validierten Diagnosekriterien, die eine eindeutige Abgrenzung ermöglichen.
- Es existieren zwar Fragebögen (z. B. zur Sensory Processing Sensitivity), diese erfassen jedoch Selbsteinschätzungen und ersetzen keine klinische Diagnostik.
Das bedeutet: Hochsensibilität ist psychologisch beschreibbar und teilweise erforscht, aber nicht im selben Sinne objektivierbar und klinisch-psychologische diagnostizierbar wie ADHS oder Autismus.
Klinisch-psychologische Einordnung
Aus fachlicher Sicht kann Hochsensibilität dennoch ein nützliches Selbstkonzept sein, wenn es dazu beiträgt:
- achtsam und wertschätzend auf die eigenen Bedürfnisse einzugehen
- rechtzeitiges Erkennen von Überforderung
- lernen, sich besser abzugrenzen
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Hochsensibilität kein Mythos ist, aber auch keine klinische Diagnose.
Sie beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal mit erhöhter Reizverarbeitung, das wissenschaftlich teilweise untersucht ist, jedoch keine klar definierten diagnostischen Kriterien besitzt.
Entscheidend ist daher immer die Frage:
Liegt eine bloße Ausprägung individueller Sensibilität vor – oder besteht ein klinisch relevanter Leidensdruck, der eine professionelle Begleitung sinnvoll macht?
Wenn Sie sich näher mit dieser Thematik beschäftigen möchten, laden wir Sie herzlich ein, unseren weiterführenden Blogbeitrag auf unserer Website zu lesen: https://www.carpediem-linz.at/blog/53/hochsensibilitaet-verstehen.html
Diagnostik und Behandlung: Warum professionelle Abklärung entscheidend ist
Angesichts der zunehmenden Unsicherheit zwischen Selbstbeschreibung, Social-Media-Informationen und klinischer Realität wird eines besonders deutlich:
Eine fundierte, fachlich geleitete Diagnostik ist durch nichts zu ersetzen.
Gerade bei Themen wie ADHS, Autismus und auch hochsensiblen Verarbeitungsstilen ist eine sorgfältige Abklärung entscheidend, um:
- Fehldiagnosen zu vermeiden
- individuelle Stärken und Belastungen differenziert zu erfassen
- eine abgestimmte Behandlung zu ermöglichen
Das diagnostische Vorgehen umfasst in der Regel:
- ausführliche Anamnesegespräche (inkl. biografischer Entwicklung)
- standardisierte Testverfahren auf aktuellem wissenschaftlichen Stand
- differenzialdiagnostische Abklärung (z. B. Abgrenzung zu Depression, Angst oder Traumafolgestörungen)
- Einbezug von Ressourcen, Lebenskontext und individuellen Zielsetzungen
- Auswertung der Testergebnisse
- Befunderstellung
- Befundbesprechung und weitere Empfehlungen im Sinne von Maßnahmen
Darauf aufbauend wird ein individuell abgestimmtes Behandlungskonzept entwickelt. Dieses kann – je nach Bedarf – verschiedene psychotherapeutische und klinisch-psychologische Ansätze integrieren, etwa:
- Psychoedukation (Verständnis der eigenen Funktionsweise)
- Strategien zur Emotionsregulation und Reizverarbeitung
- Unterstützung im Umgang mit Alltagsanforderungen, Beruf und Beziehungen
- Ressourcenarbeit im Sinne des Neurodiversitätsansatzes
Der zentrale Vorteil eines solchen Settings liegt darin, dass Diagnostik und Behandlung nicht isoliert, sondern als zusammenhängender Prozess verstanden werden.
So entsteht ein differenziertes Bild, das über vereinfachte Selbstzuschreibungen hinausgeht und nachhaltige Entwicklung ermöglicht.
Ein Beispiel für ein solches integratives Angebot bietet das Gesundheitszentrum Carpe Diem.
Dort wird besonderer Wert auf eine umfassende klinisch-psychologische Diagnostik gelegt, die über reine Fragebögen hinausgeht und eine ganzheitliche Betrachtung der Person einschließt.
Ein Ort für fundierte Abklärung und wertschätzende Begleitung - das Gesundheitszentrum Carpe Diem
Im Gesundheitszentrum Carpe Diem begegnen wir Themen wie ADHS, Autismus und individueller Reizverarbeitung mit der nötigen fachlichen Sorgfalt – und ebenso mit einem hohen Maß an Empathie und Respekt für die persönliche Lebensrealität jedes einzelnen Menschen.
Unser interdisziplinäres Team aus Klinischen PsychologInnen und PsychotherapeutInnen arbeitet auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und nimmt sich Zeit für eine differenzierte, sorgfältige Einordnung. Dabei ist uns wichtig, nicht nur Symptome zu erfassen, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit zu verstehen – mit all seinen Stärken, individuellen Bedürfnissen, Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten.
Besonderen Wert legen wir auf eine Atmosphäre des Ankommens und Wohlfühlens. Gerade bei sensiblen Themen kann ein vertrauensvoller Rahmen entscheidend dafür sein, sich öffnen zu können und sich wirklich gesehen zu fühlen.
Gleichzeitig wissen wir, dass Klarheit oft dringend gebraucht wird. Daher bieten wir zeitnahe Termine sowohl für diagnostische Abklärungen als auch für weiterführende Behandlungen an. Unser Ziel ist es, rasch Orientierung zu geben und gemeinsam Wege im Umgang mit den individuellen Fragestellungen zu entwickeln.
So verbinden wir fachliche Präzision mit menschlicher Zugewandtheit – als Grundlage für eine Begleitung, die nicht nur erklärt, sondern auch stärkt.
Wenn Sie tiefer in dieses Thema eintauchen möchten, freuen wir uns, Sie zu unserem weiterführenden Blogbeitrag auf unserer Website einzuladen:
https://www.carpediem-linz.at/blog/91/adhs-diagnostik-linz.html
Fazit
Die aktuelle Entwicklung bezogen auf die Bereiche ADHS, Autismus und Hochsensibilität lässt sich am besten so zusammenfassen:
- ADHS und Autismus sind neuroentwicklungsbedingte Störungen, die gut erforscht sind.
- Die steigenden Zahlen sind größtenteils durch bessere Diagnostik und veränderte Kriterien in diversen Klassifikationssystemen (wie ICD-10/11 und DSM-IV/V) erklärbar.
- Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern kann als ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Reize aus der Umwelt sowie innere Eindrücke intensiver wahrgenommen, definiert werden. Dadurch kann es sowohl zu einer erhöhten Empfänglichkeit für Details, Emotionen und Stimmungen als auch schneller zu Reizüberforderung kommen.
- Eine sorgfältige diagnostische Abklärung ist die Grundlage für eine zielgerichtete Behandlung.
Literaturverzeichnis
- American Psychiatric Association. (1994). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (4th ed.). American Psychiatric Publishing.
- American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). American Psychiatric Publishing.
- Bijlenga, D., et al. (2017). Atypical sensory profiles as core features of adult ADHD, irrespective of autistic symptoms. European Psychiatry, 43, 51–57.
- Blázquez Hinojosa, M., et al. (2021). Sensitivity and specificity of DSM-5 ASD criteria. [Journalname], 14(4).
- Faraone, S. V., et al. (2015). Attention-deficit/hyperactivity disorder. Nature Reviews Disease Primers, 1, Article 15020.
- Frost-Karlsson, M., et al. (2024). Altered somatosensory processing in adult attention deficit hyperactivity disorder. BMC Psychiatry, 24, 558.
- Grzadzinski, R., et al. (2016). Parent-reported and clinician-observed autism spectrum disorder (ASD) symptoms in children with attention deficit/hyperactivity disorder (ADHD): Implications for practice under DSM-5. Molecular Autism, 7, Article 7.
- King, M., & Bearman, P. (2014). Diagnostic change and the increased prevalence of autism. International Journal of Epidemiology, 43(6), 1952–1960.
- McPartland, J. C., et al. (2012). Sensitivity and specificity of proposed DSM-5 diagnostic criteria for autism spectrum disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 51(4), 368–383.
- Scheerer, N. E., et al. (2021). Exploring sensory phenotypes in autism spectrum disorder. Molecular Autism, 12, Article 67.
- Varbanov, V., et al. (2025). ADHD and ASD traits are differentially associated with orientation sensitivity in a non-clinical adult sample. Frontiers in Psychology, 16, Article 1632880.
