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Aktives Glückserleben – warum Wohlbefinden Aufmerksamkeit braucht

Aktives Glückserleben – kleine Momente, die bleiben

Viele Menschen warten auf den perfekten Zeitpunkt, um sich besser zu fühlen – weniger Stress, mehr Zeit, andere Umstände. Doch oft entsteht Wohlbefinden genau dort, wo wir es am wenigsten vermuten: in kleinen Momenten, die wir wahrnehmen, statt sie vorbeiziehen zu lassen.

Wenn jemand fragt: „Was tut Ihnen eigentlich gut?“

In der Praxis erlebe ich oft einen bestimmten Moment: Ich stelle die Frage „Was tut Ihnen eigentlich gut?“ – und es wird still. Nicht, weil die Antwort so schwierig wäre. Sondern weil die Frage lange niemand mehr gestellt hat. Weder andere noch die Person an sich selbst.
Karl Valentin soll gesagt haben: „Heute besuche ich mich – ich hoffe, ich bin daheim.“ Es klingt wie ein Scherz, trifft aber einen wunden Punkt. Viele Menschen sind dauernd unterwegs: beruflich, gedanklich, emotional. Irgendwann geht der Kontakt nach innen verloren – dorthin, wo Bedürfnisse und Gefühle einen Namen bekommen. Genau dort beginnt das, was ich aktives Glückserleben nenne.

Kein Dauerglück, sondern Gegengewicht

„Aktives Glückserleben“ klingt zunächst nach Anstrengung. So, als müsste man jetzt auch noch das Glück „leisten“. Für mich meint es etwas anderes: ein Gegengewicht zum Dauerfokus auf Belastung.
Der Neurowissenschaftler Rick Hanson beschreibt, was viele aus dem Alltag kennen: Unser Gehirn speichert Belastendes besonders schnell. Eine kritische Bemerkung im Meeting bleibt tagelang hängen, das Lächeln der Kollegin am Morgen ist oft schon vergessen, bevor der Kaffee leer ist. Negative Erfahrungen „kleben“ – positive rutschen eher vorbei.
Hanson nennt es „taking in the good“: einem guten Moment ein paar Sekunden mehr Zeit geben, damit er tiefer einsinken kann. Zehn bis zwanzig Sekunden, in denen wir innerlich kurz dableiben, statt schon beim nächsten Punkt auf der To‑do‑Liste zu sein. Das ist kein Schönreden, sondern eine sehr menschliche Art, mit dem eigenen Nervensystem zusammenzuarbeiten.

Worum es nicht geht

Damit ist nicht gemeint, sich zusammenzureißen oder schwierige Gefühle wegzudrücken. Und schon gar nicht, Probleme kleinzureden.
Stress, Erschöpfung, Überforderung, Trauer – all das gehört zum Leben. Psychische Gesundheit heißt nicht, dass alles gut läuft. Entscheidend ist, ob wir in schwierigen Phasen den Zugang zu dem behalten, was uns dennoch stärkt.

Mehr als „glücklich sein“: Was trägt wirklich?

Der Psychologe Martin Seligman beschreibt mit seinem PERMA‑Modell verschiedene Bausteine von Wohlbefinden: Positive Gefühle sind nur einer davon. Daneben stehen Sinn, Engagement, Beziehungen und das Erleben von Wirksamkeit. Es geht also weniger darum, möglichst oft glücklich zu sein, sondern ob das eigene Leben sich stimmig anfühlt – verbunden, sinnvoll, lebendig.
Manchmal zeigt sich das in sehr unspektakulären Momenten: ein Gespräch, das ehrlicher wird als geplant. Zehn Minuten auf einer Parkbank vor dem nächsten Termin. Sonnenlicht auf dem Schreibtisch, das man für einen Augenblick wirklich sieht. Nichts Großes – aber Augenblicke, in denen etwas kurz leichter wird.
Das Problem ist selten, dass solche Momente fehlen. Sie passieren jeden Tag. Das Problem ist, dass wir innerlich schon weiter sind, bevor sie wirken konnten.

Innehalten, bevor es weitergeht

Was hilft, ist erstaunlich schlicht – und gerade deshalb so leicht zu übergehen. Wenn etwas Angenehmes geschieht, kann es hilfreich sein, kurz dabei zu bleiben. Den Moment nicht sofort relativieren mit „war ja nichts Besonderes“. Sich stattdessen für einen Augenblick fragen: Wie fühlt sich das gerade an?
Das ist weniger eine Technik als eine Erlaubnis. Viele Menschen haben gelernt, dass Innehalten Zeitverschwendung ist. Oder dass Zufriedenheit erst „verdient“ werden muss, wenn alles erledigt ist. Das Ergebnis kenne ich aus der Praxis gut: Entspannung kommt erst, wenn alles erledigt ist – also nie.

Wert jenseits von Leistung

Ein häufiger Knoten, den ich sehe: Der eigene Wert wird stark über Leistung, Produktivität und Funktionieren definiert. „Ich darf mich erst ausruhen, wenn ich genug getan habe.“

Aktives Glückserleben bedeutet auch, sich wieder als Mensch wahrzunehmen – nicht nur als jemand, der funktioniert. Fragen wie diese können helfen:

Wer solche Fragen ehrlich beantwortet, stößt manchmal auf Lücken. Das ist kein Zeichen von Versagen. Es ist der Anfang von Veränderung.

Den Körper mitnehmen

Wohlbefinden spielt sich nicht nur im Kopf ab. Der Körper ist kein Transportmittel für den Verstand – er ist immer beteiligt, oft schneller als jeder Gedanke.
Ich denke an eine Klientin, die mir erzählte, sie habe erst beim Warten an der Bushaltestelle gemerkt, dass ihr Kiefer seit Stunden verkrampft war. Nicht, weil etwas Dramatisches passiert wäre – sondern weil der ganz normale Tag schon genug Anspannung erzeugt hatte, ohne dass sie es bemerkte. So geht es vielen: Der Hunger wird übergangen, die Müdigkeit erst abends spürbar, die Verspannung nur noch als dumpfer Hintergrund wahrgenommen, die Zähne werden zusammengebissen, der Ärger hinuntergeschluckt.
Wieder aufmerksamer mit dem eigenen Körper umzugehen – nicht als Programm, sondern als Entscheidung, sich selbst wieder ernst zu nehmen – ist kein Luxus. Es ist Grundlage. Bewegung verändert die Stimmung, Schlaf die Belastbarkeit, Natur das innere Erleben von Weite. Manchmal beginnt das mit etwas so Einfachem wie einem Spaziergang, bei dem das Handy in der Tasche bleibt.

Dankbarkeit – ohne Kitsch

Dankbarkeit klingt für viele nach Kalenderspruch. Trotzdem zeigt sich immer wieder: Wer den Blick regelmäßig auch auf das richtet, was guttut, trainiert damit das eigene Erleben. Nicht, um Schwieriges zu verdrängen, sondern um die innere Waage ein wenig auszubalancieren.
Manche Menschen schreiben sich abends drei Sätze auf:
Was war heute ein guter Moment? Wer oder was hat mir gutgetan? Was ist mir gelungen – auch im Kleinen?
Das müssen keine großen Dinge sein. „Der Kaffee am Morgen war gut.“ „Das Telefonat mit S. hat gutgetan.“ „Ich habe pünktlich aufgehört.“ Es geht nicht um Optimismus. Es geht um Wahrnehmung.

Fragen, die etwas in Bewegung bringen können

Manchmal reicht eine einzige Frage zwischendurch, um den Autopiloten kurz zu unterbrechen. Zum Beispiel:

Solche Fragen sind keine Pflichtübung. Sie sind eine Einladung, sich selbst wieder zuzuhören – sich im Sinne von Karl Valentin zu besuchen und zu schauen, ob man daheim ist.

Wenn der Weg allein schwer wird

Aus meiner Erfahrung beginnt Veränderung selten mit einem großen Schritt. Sie beginnt dort, wo jemand anfängt, kleinen guten Momenten wieder etwas mehr Raum zu geben. Mitten im normalen Alltag, nicht perfekt, nicht dauerhaft, aber spürbar.
Im Gesundheitszentrum Carpe Diem in Linz und Schwechat arbeiten wir in Einzelgesprächen, Gruppen und Workshops mit Menschen, die spüren, dass der Autopilot zu lange läuft. Dass der Kontakt zu sich selbst irgendwo unterwegs verloren gegangen ist. Wir schaffen Räume, in denen Belastungen ernst genommen werden – und gleichzeitig Platz ist für die Frage: Was tut mir gut, und wie gebe ich dem in meinem Alltag wieder mehr Raum?
Manchmal verändert sich ein Leben nicht durch ein großes Ereignis – sondern durch einen kleinen Moment, dem man erlaubt hat, anzukommen.

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